Zwischen Erinnern und Vergessen: Ein altes Gemäuer möchte nicht sterben

zwischen erinnern und vergessen
Feuchte Papierfetzen, scharfe Glasscherben, morsche Holzlatten, verrostete Nägel, gammelige Abfälle häufen sich flächendeckend in allen Etagen des Gebäudes. Stellenweise riecht es muffig. Alte Akten liegen zerstreut auf dem Boden herum. Bedrohliche Spuren von Bränden sind deutlich sichtbar. Ich erkunde mit Bedacht die verfallenen Gänge und die einsamen Hallen der alten Papierfabrik.
Während ich in den modrig riechenden Räume verweile, stelle ich mir bildlich das vormals funktionierende Werk vor: Männer, die schwere Körperarbeit verrichten, laute und pausenlos arbeitende Maschinen, unbeheizte Werkräume, ausgelassene Betriebsamkeit in der Kantine, penible Arbeit in der Buchhaltung eines solchen Unternehmens.


Die verlassenen Räumlichkeiten und Überreste der damaligen Einrichtung erzählen unendliche Geschichten und halten das runtergekommene Gemäuer lebendig. Ich höre den Wänden zu. Sie werden immer lauter. Die Erinnerungen dringen massiv durch die maroden Wandoberflächen und lassen sich von den Graffitikunstwerken nicht überdecken. Reminiszenzen kämpfen ums Überleben. Sie möchten bleiben und wehren sich gegen die Leere und Einsamkeit, wehren sich gegen ihren langsamen Tod. Dass in kürze dieses Gebäude der Abrissglocke unterliegen wird, ist für mich nicht vorstellbar. Ein unendlich trauriger Gedanke. Die urbane Entwicklung einer wachsenden Stadt lässt kein Raum für Mitleid oder Gefühle. Die herzlose Vernichtung von lebendiger Stadtgeschichte gehört zum Alltag. Es ist nicht zu verhindern. Nach langen Betriebsjahren wird es bald die Papierfabrik nicht mehr geben. Ihre Hallen und Betriebsgebäude werden nicht mehr saniert. Sie werden abgebrochen, um Platz für Neues zu schaffen. Sie wird nur noch in unserer Erinnerung leben und dadurch, hoffentlich nicht in Vergessenheit geraten.

Es raschelt und pfeift, es rumpelt und knirscht, Stimmen und Geräusche sind zu hören, das Unkraut wuchert überall aus den Mauerritzen. Ich habe den Eindruck, die Fabrikseele sei noch lebendig und versucht verzweifelt für ewig in unsere Erinnerung zu bleiben….

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